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„Patient ohne Verfügung“ von Matthias Thöns: über die Verirrungen der Medizin am Lebensende

Innerhalb weniger Monate ist „Patient ohne Verfügung“ zum Bestseller geworden. Wahrscheinlich hat noch niemand die Vergehen der Medizin an Sterbenden so wissend und treffend beschrieben wie der Palliativmediziner Matthias Thöns aus Witten. Egal ob es um belastende Chemotherapie im Endstadium einer Krebserkrankung, Herzdruckmassage im Sterbebett oder künstliche Ernährung bis zum letzten Atemzug geht: der Medizinbetrieb neigt gerade am Lebensende zur belastenden Übertherapie.

Dabei bleibt die abwägende Aufklärung oft ebenso auf der Strecke wie der Wille der Betroffenen. Thöns benennt als treibende Kräfte vor allem die Gewinninteressen der Ärzte, der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sowie der Pharma- und Geräteindustrie. Mit dem DRG-System und einer unsinnigen Arzneimittelfinanzierung belohnt die Politik die Ausweitung der „Leistungen“ zu horrenden Kosten – bei verminderter Behandlungsqualität.

Hinzu kommt die ethische Orientierungslosigkeit vieler Ärzte, die immer noch verkennen, dass überflüssige medizinische Maßnahmen Körperverletzung sind und dass auch die Rechtsprechung die Autonomie des Patienten heute höher bewertet als eine bevormundende ärztliche Entscheidung. Thöns plädiert für den Low-Tech-Ansatz der Palliativmedizin: Zuhören, Ernstnehmen der Nöte der Patienten, wahrhaftige Aufklärung über die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten, gemeinsame Entscheidungsfindung, Humor, Beschwerdelinderung als oberstes Behandlungsziel und den lebensbejahenden Umgang mit der Erkrankung im Kreis der Familie und in vertrauter Umgebung.

Damit reanimiert er bei seinen ärztlichen Lesern die totgeglaubte ärztliche Grundhaltung, die ohne Zivilcourage und ohne das Aufmucken gegen Routinen und Interessen nicht zu haben ist. Und noch eine Wirkung: Wer bis zur Lektüre dieses Buchs mit einer Patientenverfügung gezögert hat, wird es danach eilig haben.